Thessaloniki, 3. Oktober 2016

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Landleute, liebe Freunde Deutschlands,

Kalispera, guten Abend!

meine Frau und ich begrüßen Sie sehr herzlich zu unserem Tag der deutschen Einheit! Es wird Sie überraschen, dass ich Sie begrüße, nachdem Frau Englert-Zerbin, meine Vertreterin, die Einladung ausgesprochen hatte. Die Änderung ist darauf zurückzuführen, dass ich seit vergangener Woche die Bundesrepublik Deutschland offiziell hier in Thessaloniki und Nordgriechenland vertreten kann. In den vergangenen Wochen war ich aber bereits als Geist in dieser "City of Ghosts" präsent.

In dieser Zeit las ich Mazower's Buch und gewann einen Eindruck von der reichen Geschichte und Kultur Thessalonikis und Nord-Griechenlands, besonders dem fruchtbaren Zusammenleben der Religionen über die Jahrhunderte. Ich las aber auch über die schrecklichen Jahre der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg mit der Vernichtung der Juden Thessalonikis und den Vergeltungsmorden in den Märtyrerdörfern.

Liebe Landleute, liebe Gäste,

Wenn Deutschland seinen Nationaltag feiert, ist das anders als in anderen Ländern. Wir können nicht auf mehrere Jahrhunderte ungebrochener Nationalgeschichte zurückblicken, die sich als Erfolgsgeschichte verstehen oder zumindest interpretieren lässt. Als Deutsche blicken wir auf eine schwierige Nationwerdung zurück, auf großartige Beiträge zu Kultur und Wissenschaft, aber auch auf einen beispiellosen Zivilisationsbruch, der gerade auch vor Griechenland nicht Halt machte.

Heute, am Tag der deutschen Einheit blicken wir daher zurück auf eine Geschichte, die uns am 3. Oktober 1990 trotz alledem überraschend eine neue Chance bot. Wir blicken im Bewusstsein unserer Geschichte aber gleichzeitig auch nach vorne, denn wir können uns nicht unter Verweis auf die Vergangenheit der Gestaltung der Zukunft verweigern. Wir stellen uns daher dieser Gestaltungsaufgabe in Verantwortung gegenüber Deutschland und den Deutschen, gegenüber Europa und gegenüber einer globalisierten Welt.

Im Sinne dieser Verantwortung engagiert sich Deutschland auch bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise, der sich Europa insbesondere durch den schrecklichen Krieg in Syrien gegenüber sieht – durch die Aufnahme von über einer Million Flüchtlinge, aber auch durch die personelle und materielle Unterstützung gerade auch Griechenlands, das vom Zustrom der Flüchtlinge besonders betroffen ist. Bewältigung des Flüchtlingsstroms; Suche nach Lösungen für seine Ursachen; Wahrung des Zusammenhalts und der Solidarität in Europa; Integration der Flüchtlinge – das sind die Aufgaben, in deren Lösung Deutschland sich politisch, diplomatisch und wirtschaftlich einbringt.

Liebe Landleute, liebe Gäste,

Was bedeutet das Gesagte für meine Tätigkeit hier in Thessaloniki? Es bedeutet zunächst, dass ich mich der deutschen Vergangenheit in Griechenland stelle. Ich werde das Gespräch und die Projektzusammenarbeit mit den Märtyrerdörfern suchen. Ebenso werde ich die enge Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Thessalonikis fortsetzen, besonders beim Bau eines Holocaust-Museums mit Bildungszentrum für die Menschenrechte. Vor einigen Tagen hat Staatsminister Roth in Thessaloniki hierfür einen sehr substantiellen finanziellen Beitrag angekündigt. Ich werde auch die Entwicklung der Flüchtlingssituation eng begleiten und mit unseren griechischen Partnern überlegen, wo und wie Deutschland Griechenland unterstützen kann.

Mit Blick auf die Zukunft werde ich die Projekte meiner Vorgänger im Bereich Kultur und Wissenschaft fortsetzen, die Möglichkeiten des deutsch-griechischen Zukunftsfonds und der deutsch-griechischen Versammlung nutzen, aber auch eigene Akzente setzen. Dafür bin ich auf Ihre Erfahrungen und Anregungen angewiesen und suche das Gespräch mit Ihnen.

Meine Frau und ich freuen uns auf die kommenden Jahre hier in Griechenland. Wir freuen uns darauf, dieses Land und seine Kultur kennenzulernen. Wir freuen uns aber besonders auf Sie, die Menschen, die dieses Land verkörpern und prägen. Erklären Sie uns Griechenland, helfen Sie uns, es besser kennenzulernen!

Heute Abend ist die erste Gelegenheit dazu. Wir freuen uns auf einen schönen und anregenden Abend mit Ihnen allen!

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