Ob Flüchtlinge, Finanzmärkte, Europas Beziehungen zur Türkei oder die Zypernfrage: Griechenland ist ein Schlüsselland bei gleich mehreren der großen politischen Herausforderungen für Europa. Um all diese Themen ging es beim Besuch von Außenminister Steinmeier in Thessaloniki und Athen am 04. Und 05. Dezember. Mit seinem griechischen Amtskollegen Kotzias unterzeichnete er eine gemeinsame Erklärung, um vor diesem stürmischen Hintergrund die deutsch-griechische Freundschaft weiter auszubauen und die Zusammenarbeit zu vertiefen. Ganz im europäischen Geiste steht Deutschland im Angesicht der heutigen Krisen fest an der Seite Griechenlands.

Außenminister Steinmeier eröffnet die Ausstellung "Gespaltene Erinnerungen" in Thessaloniki. Hinter ihm sind Bilder aus der Besatzungszeit 1941/42 zu sehen.
(© Photothek / Koehler )
Gespaltene Erinnerungen

So vieles verbindet die Gesellschaften Deutschlands und Griechenlands. Die vielen griechischstämmigen Menschen in Deutschland und die zahlreichen deutschen Touristen in Griechenland bilden ein solides Fundament der Freundschaft. 

Aber auch die Erinnerung an die furchtbaren Gräuel der Nazizeit ist ein wichtiges Element der deutsch-griechischen Beziehungen sowie der Geschichte beider Länder. Als erste Station der Reise nahm Außenminister Steinmeier daher in Thessaloniki an der Eröffnung der Ausstellung "Gespaltene Erinnerungen 1940 - 1950" teil. In seiner Rede bekannte er sich zu der deutschen Verantwortung für die Schrecken des Holocausts und betonte:

Gerade weil unsere Länder über eine tragische Geschichte miteinander verbunden sind, müssen wir für eine gemeinsame Zukunft von Deutschland und Griechenland arbeiten, die Entfremdung oder gar Feindschaft zwischen unseren Völkern nie wieder zulässt.

Außenminister Steinmeier erhält die Ehrenmitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde Thessaloniki
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Mit Blick auf die jüngsten politischen Entwicklungen in Europa und der Welt fügte Steinmeier hinzu: "Ein Europa, in dem der bewusste Umgang mit Erinnerung zur politischen Kultur gehört, ist besser gewappnet für die Stürme unserer Zeit." Sein griechischer Amtskollege Kotzias mahnte in seiner Rede, die Vergangenheit solle kein Gefängnis sein, sondern eine Schule für die Menschen der Gegenwart.

Rede von Außenminister Steinmeier zur Ausstellungseröffnung "Gespaltene Erinnerungen"

Im Anschluss besuchte der deutsche Außenminister die jüdische Gemeinde in Thessaloniki, die ihm ihre Ehrenmitgliedschaft verlieh. "Ein Wunder der Versöhnung" nannte Steinmeier die Geste, einen deutschen Außenminister in dieser Gemeinde aufzunehmen, aus der über 50.000 Menschen von den Nazis ermordet worden waren. Er versprach: "Wir nehmen sie an, Ihre ausgestreckten Hände, mit großer Freude und auch mit großer Demut – und seien Sie gewiss: Wir lassen sie nicht los!"

Dankesrede von Außenminister Steinmeier in der jüdischen Gemeinde Thessaloniki

Außenminister Steinmeier und Premierminister Tsipras
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Schlüsselland für Europa

Von dieser bewegenden Station flog der Außenminister dann am Sonntagnachmittag weiter in die griechische Hauptstadt. Bei den politischen Gesprächen in Athen stehen viele herausfordernde Themen auf der Agenda: Bei der Flüchtlingskrise kommt Griechenland allein schon wegen seiner geografischen Lage eine besondere Rolle zu. Denn die meisten Flüchtlinge mit dem Ziel Europa betreten auf den griechischen Inseln erstmalig das Gebiet der Europäischen Union. Deutschland steht Griechenland dabei auf verschiedenen Ebenen zur Seite – durch humanitäre Hilfe vor Ort, durch Übernahme von Flüchtlingen und durch das Engagement für eine gesamteuropäische Lösung.

Außenminister Steinmeier und sein griechischer Amtskollege Kotzias.
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Austausch zu Zypern und Türkei 

In den Gesprächen Steinmeiers mit Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos und Außenminister Nikos Kotzias ging es auch um Zypern und die Türkei, zwei unmittelbare Nachbarn Griechenlands mit großer Bedeutung für den europäischen Kontinent. Mit Blick auf die Zypernfrage - hier laufen derzeit Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der geteilten Insel - äußerte sich der deutsche Außenminister nach den Gespräch vorsichtig optimistisch: Die Verhandlungsführer seien schon einen Weg gegangen und die letzten Meter bekanntlich die schwersten. Doch wenn beide Seiten ernsthaft an einer Lösung interessiert seien, dürften auch die noch offenen Fragen kein Hindernis sein, so Steinmeier. Eine Einigung wäre auch ein wichtiges Zeichen für die Stabilisierung Europas und ein Beispiel dafür, dass auch langwierige Konflikte auf dem Verhandlungsweg lösbar sind.

Hinsichtlich der Türkei äußerte Steinmeier Unverständnis über das "öffentliche Spielen mit dem Vertrag von Lausanne", der den Grenzverlauf mit Griechenland regelt. "Jeder weiß, was es bedeuten würde, wenn wir in Europa anfingen, Grenzen in Frage zu stellen", so Steinmeier - ein Beitrag zur dringend geforderten Stabilität sei das jedenfalls nicht. 

Joint statements of Foreign MInister N. Kotzias and the Foreign Minister of Germany, F. W. Steinmeier, following their meeting

Die beiden Außenminister unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung, um die Beziehungen weiter auszubauen.
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Ausbau der deutsch-griechischen Freundschaft

Gute Nachrichten gab es für das bilaterale Verhältnis zwischen Griechenland und Deutschland. Die beiden Außenminister unterzeichneten am Sonntagabend eine gemeinsame Erklärung, um die Beziehungen weiter auszubauen. Steinmeier sprach von einer "Zukunftsagenda für die deutsch-griechischen Beziehungen" und dankte seinem Freund und Kollegen Kotzias für die Initiative. Vorgesehen ist demnach ein Aktionsplan mit vier Säulen:

I. Politische Zusammenarbeit

II. Wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit

III. Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Bildung

IV. Zusammenarbeit auf gesellschaftlicher Ebene

Der Plan versteht sich als "dynamisches Dokument" - demnach können die konkreten Maßnahmen in allen vier Bereichen laufend ergänzt und erweitert werden. Nachdem das deutsch-griechische Verhältnis während der Finanzkrise einigen Spannungen ausgesetzt war, definiert der Plan eine positive Agenda für die künftigen Beziehungen.

Gemeinsame Erklärung der Außenminister Deutschlands und Griechenlands

Außenminister Steinmeier und Kotzias an der Deutschen Schule Athen.
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Die letzte Station seiner Reise führte den deutschen Außenminister in Begleitung seines griechischen Amtskollegen Kotzias dann am Montag auf das fruchtbarste Terrain für die deutsch-griechische Freundschaft: Die Deutsche Schule Athen wird derzeit zu einer deutsch-griechischen Begegnungsschule ausgebaut, in der über 1000 Schulkinder mit 19 Nationalitäten die Möglichkeit erhalten sollen, das „Deutsche Internationale Abitur“ zu erwerben. Nach einem herzlichen "Willkommenslied" der Kindergartenkinder, empfingen die Schüler die beiden Außenminister mit einer selbstkreierten Parodie auf deutsche und griechische Clichés. Anschließend stellten sich Steinmeier und Kotzias in einer Podiumsdiskussion den kritischen Fragen der Schüler, insbesondere zur wirtschaftlichen Lage sowie zu den Themen Flucht und Migration. 

Außenminister Steinmeier: "Hier an dieser Schule wächst die Zukunft der deutsch-griechischen Beziehungen"

Von den Schrecken der Vergangenheit bis zu den Herausforderungen der Gegenwart - das Besuchsprogramm umfasste eine Reihe schwieriger Themen. Umso dankbarer war die deutsche Delegation für die Herzlichkeit und die konstruktiv-zukunftsgewandte Atmosphäre, die sich wie ein roter Faden durch die Reise zog.

Deutsch-Griechischer Zukunftsfonds

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