Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 8. April bei der Eröffnungsveranstaltung der documenta 14 anlässlich des Antrittsbesuches in Griechenland eine Ansprache gehalten: "Diese documenta ist eine Herausforderung an unsere Imagination, an unsere Vorstellungskraft. Aber ich sage auch: ohne Griechenland kann und will ich mir unsere Gemeinschaft nicht vorstellen. Unsere Zukunft soll und wird eine gemeinsame sein."

In einer ehemaligen Seidenfabrik werden Arbeiterrechte debattiert, griechische Filmemacher dechiffrieren die Komplexität der Lebensläufe in einem Land in der Krise, Theater zeigen Meditationen über menschliches Leid, ein Soundkünstler erzeugt den Klang des Hungers – die documenta war nie eine Komfortzone für Politiker. Sie war es in Kassel nicht, wo sie 1955, zehn Jahre nach Kriegsende, gegründet wurde, damals in der Tat, um die zeitgenössische Kunst endgültig von jeglichem politischen Diktat zu befreien. Und sie wird es in Athen nicht sein. Jedenfalls habe ich erhebliche Zweifel daran, dass sich die Kunstwelt hier versammelt hat, um der Politik Kränze zu flechten. Das soll sie auch nicht.

"Von Athen lernen" – der Arbeitstitel dieser documenta – ist eine gute, zunächst irritierende, für manche sogar eine provokative Pointe! Dabei ist es noch nicht lange her, da wäre dieser Aufruf eher als banal denn als provokant empfunden worden; da war ein Studium der Philosophie, Poesie oder Kunst ohne Kenntnis des Altgriechischen kaum denkbar. Da wusste jeder: Klar lernen wir von Athen, der Wiege unserer europäischen Kultur. Doch der Titel dieser documenta zielt auf die Gegenwart, auf die politischen und ökonomischen Gräben zwischen uns, die wir – so verstehe ich die Botschaft – zu überwinden haben.

Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta, verspricht uns einen "bedeutungsvollen und spannenden Lernprozess" in einer Ausstellung, die die Welt zu verstehen versucht, die uns umgibt. Dieser Prozess ist bedeutungsvoll und spannend, weil er aus einem Dialog der Perspektiven entsteht, weil wir die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln wahrnehmen, sie mit und in den Augen des anderen sehen und sehen sollen. Ich freue mich, dass wir mit der Eröffnung der documenta 14 in Athen zugleich diesen so notwendigen Dialog beginnen. Mein Dank gilt den Machern der Ausstellung und unseren Gastgebern heute.

Die Welt auf diese Weise verstehen zu wollen, das verbindet Kunst und Politik. Jedenfalls, wenn wir uns ihr als Demokraten nähern. Kritik und Kritikfähigkeit sind aber auch die Grundbedingungen von Demokratie. Der Perspektivwechsel in Rede und Gegenrede trägt den – altgriechischen – Ursprung des Wortes Kritik, im deutschen Sinne "unterscheiden", ja schon in sich. Auch das, wenn sie so wollen, ein Erbe Athens.

In zwei so unterschiedlichen europäischen Städten auszustellen heißt, eine jeweils andere, neue Perspektive einzunehmen, das Eigene und das Fremde zu erkennen und zugleich an den Ort zurückzukehren, an dem wir diesen Prozess des voneinander Lernens, des Austauschs und des Ausgleichs von Interessen als Lebens- und Regierungsform angenommen haben. Wir haben, so scheint mir, schon vieles von Athen gelernt.

Doch – und das ist das Ernüchternde – einmal Gelerntes will immer wieder neu erworben werden, wenn es nicht vergessen werden soll. Die Demokratie wird an vielen Orten, auch in Europa, angefochten. Am Ort ihrer Geburt nach der derzeitigen Verfassung zu fragen, scheint mir deshalb mehr als angemessen. In Zeiten wie diesen wird uns wieder stärker bewusst: Es gibt in der Kunst wie in der Politik auch andere Modelle der Wahrnehmung und Weltaneignung, als das demokratische. Griechenlands jüngere Geschichte kennt diese gewaltsame Form der Machtaneignung- und Ausübung. Dieser Tage erinnern wir an den Staatsstreich vom April 1967. Die Überwindung dieser Phase der Isolation wäre ohne den Widerstandsgeist vieler, gerade auch griechischer Künstler kaum gelungen.

Die Demokratie, davon bin ich überzeugt, lebt von einer Perspektive, die möglichst viel und mit großer Tiefenschärfe in den Blick nimmt, wie die Eule, die uns hier als Symbol der documenta allerorten begegnet. Die Eule kann ihren Kopf um 270 Grad drehen. Ich will diese Übung niemandem zur Nachahmung empfehlen. Aber wir können lernen, uns umschauen, einander wahrnehmen und genauer hinschauen – das können wir sehr wohl. Und das sollten wir auch, wenn wir asymmetrische, einseitige Beziehungen zwischen unseren Ländern vermeiden wollen.

Wir sollten das in Europa durchaus häufiger tun. Ein Deutscher, der versucht, die Lebensrealität eines Griechen in diesen Tagen zu verstehen, wird erkennen, wie schwer die Zeit ist, durch die das Land geht. Die Eurokrise und die notwendig gewordenen Umbrüche in Wirtschaft und Gesellschaft sind ein tiefer Einschnitt in das Leben vieler Griechen. Noch dazu verlangt die Flüchtlingskrise Griechenland enorme Leistungen ab; der Krieg in Syrien, die Krisen in der Türkei und im Mittleren Osten – all das geschieht in Griechenlands unmittelbarer Nachbarschaft.

Ein Grieche wiederum, der die Perspektive seiner Nachbarn in der Europäischen Union einnimmt, weiß, dass die Haltung der Partner keineswegs nur von Kälte, Gleichgültigkeit und Hartherzigkeit geprägt ist; dass Griechenland auch viel Solidarität von der Gemeinschaft erfahren hat und – das sage ich ausdrücklich – auch weiter erfahren muss!

Europa, und das sind wir alle, muss den Perspektivwechsel beherrschen. Ein demokratisches, geeintes Europa darf die einzelnen Mitgliedsstaaten so wenig aus dem Blick verlieren wie das große Ganze. Lernen voneinander werden wir aber nur dann, wenn der Blick nicht ständig nach Bestätigung des eigenen Vorurteils sucht, sondern unverstellt, offen und neugierig bleibt.

Die Bedingungen des "voneinander Lernens" aber sind in der Politik andere als in der Kunst. Adam Szymczyk hat uns erklärt, bei diesem Lernen gehe es nicht um Ergebnisse. Es sei ein offener Prozess. Im Prinzip stimmt das auch für die Demokratie. Die Politik allerdings muss im Verlauf dieses Prozesses immer wieder Entscheidungen treffen. Dazu muss sie auf Erfahrungen, ich könnte auch sagen: auf Erlerntes zurückgreifen. Sie muss ihre Urteilskraft schärfen. Wenn sie das tut, macht sie das klüger. Aber es macht sie nicht unfehlbar. Denn selbst wenn die Politik nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet, sind die Folgen ihres Tuns nicht immer eindeutig und von vornherein absehbar.

Es wäre schön, die Europäische Union glitte lautlos und effizient dahin wie eine Eule im Flug. Doch die EU ist kein perfekt ausgebildeter Organismus. Aber – und davon bin und bleibe ich überzeugt – sie ist lernfähig. Um es mit dem diesjährigen Karls-Preisträger Timothy Garton Ash zu sagen: "Die Europäische Union ist das denkbar schlechteste Europa, abgesehen von allen anderen Europas, die zeitweilig ausprobiert wurden". Aus dem Britischen übersetzt heißt das wohl: Das Europa der Europäischen Union ist das beste Europa, das wir je hatten.

Wir Deutsche jedenfalls wollen dieses Europa. Wir wollen es als Europa der 27. Wir wollen in die Zukunft dieses Europa investieren. Diese documenta ist eine Herausforderung an unsere Imagination, an unsere Vorstellungskraft. Aber ich sage auch: ohne Griechenland kann und will ich mir unsere Gemeinschaft nicht vorstellen. Unsere Zukunft soll und wird eine gemeinsame sein.

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